Johanniskraut

Wissenschaftlicher Name: Hypericum perforatum
Pharmazeutischer Name: Hyperici herba
Synonyme: Blutkraut, Hartheu, Hergottsblut, Hexenkraut, Jageteufel, Johannisblut, Konradskraut, Mannskraft, Tüpfelhartheu, Rotöl, Sonnwendkraut, St.-Johns wort (engl.), Millepertuis, Herbe de la Saint-Jean (franz.)
Familie: Hypericaceae (Johanniskrautgewächs)

Heimat & Botanik

Das in Europa, Nordafrika und Westasien beheimatete Johanniskraut ist mittlerweile weltweit anzutreffen. Es sind mehr als 350 verschiedene Vertreter der Pflanzenfamilie bekannt. Johanniskraut gedeiht an Wegrändern ebenso wie im Gebüsch und wird gut einen halben Meter hoch. Seine verzweigten aufrecht wachsenden Äste sind holzig hart. An diesen Zweigen wachsen gegenständig kleine, etwa drei Zentimeter lange, länglich-ovale Laubblätter. Laub- und Kronblätter der Blüten sind durch Ölbehälter getüpfelt. Diese Ölbehälter enthalten ein fettes Öl, das umgangssprachlich als Rotöl bezeichnet wird. Seine rote Farbe verdankt es dem Hypericin. Reibt man sie zwischen den Fingern, färben sie sich daher rot.

Von Juni bis September blühen die leuchtend gelben Blüten, die meist in Trugdolden am oberen Ende der Äste zusammenstehen. Innerhalb eines leicht asymmetrischen Kranzes aus gelben Kronblättern befinden sich viele, lange Staubblätter, die Büschel bilden. Im Herbst reifen kleine Kapselfrüchte.

Das Kraut kam zu dem Namen "Johanniskraut", weil um Johanni (24.6.) bzw. zur Sommersonnwende zu blühen beginnt. Das Tüpfel-Johaniskraut unterscheidet sich durch die Ölbehälter von anderen Varianten der Pflanze. Man bezeichnet es auch als "Tüpfel-Hartheu", weil es als Heu durch die harten Stängel nicht genutzt werden kann. Der botanische Name "Hypericum" hat einen griechischen Ursprung. "Hyper" bedeutet auf "ereikon" "auf der Heide wachsend". Der Zusatz "perforatum§ bezieht sich auf die Punktierung der Blätter und Blüten durch die Ölbehälter, die, wenn man sie gegen das Licht hält, wie "durchlöchert" aussehen. 

Eigenschaften & Geschmack

Eigenschaften

  • warm

Geschmack

  • bitter, süß, adstringierend
  • balsamisch

Die Wirkung des Geschmacks wird in den Theoretischen Grundlagen erläutert.

Wirkungen & Indikationen in der chinesischen Medizin

Tropismus: Leber, Herz, Shen, peripheres Nervensystem, Niere

Oberfläche öffnendes Kraut

Wind-Hitze eliminierendes Kraut
wundheilungsfördernd

  • Hauterkrankungen, Otitis media

Wind und Nässe eliminierendes Kraut (Bi-Syndrome)

Kälte, Wind und Nässe eliminierendes Kraut 

  • Schmerzen in Muskeln und Gelenken mit Durchblutungsstörungen

Hitze in der Leber behandelndes Kraut

Leber Wind beruhigendes Kraut

  • Inneren Wind beruhigend: Neuralgien, Herpes Zoster Neuralgie

Qi bewegendes Kraut

Leber-Qi bewegendes Kraut

  • Kopfschmerzen, Migräne, Trigeminusneuralgie, Dysmenorrhoe, nervöser Magen, krampflösend

Blut bewegendes und Stase lösendes Kraut

  • Neuralgien, Blutergüsse, periphere Durchblutungsstörungen, Myogelosen, Rückenschmerzen, Ischialgie Parästhesien

Adstringierendes Kraut

Nieren Qi festigendes Kraut bei Polyurie und Enuresis

  • Enuresis, Angstzustände in der Nacht bei Kindern

Shen beruhigendes Kraut

Shen beruhigendes und harmonisierendes Kraut

  • Shen und Hun harmonisierend, bei Trauma, Schock, Schlafstörungen, innere Unruhe

Shen aktivierendes Kraut

  • stimmungsaufhellend bei geistiger Erschöpfung

Äußerlich anwendbares Kraut

  • Ischialgie, Neuralgien, Blutergüsse, Myogelosen, Parästhesien, Wundheilungsfördernd

Ausführlich werden die Kategorien unter Kategorien & Rezepturen vorgestellt. Dort werden auch weitere Pflanzen gelistet, die wir der jeweiligen Kategorie zugeordnet haben.

Anwendung

Infus

  • 1,5 - 2 g pro Tasse
  • abgedeckt 5 - 10 Minuten ziehen lassen
  • 3 x täglich 1 Tasse
  • Tagesdosis 4,5 - 6 g

Frischpflanzentinktur 

  • 1 - 3 x täglich 3 - 5 Tropfen in einem Schluck Wasser
  • oder Dosierung nach Herstellerangaben

Tinktur aus getrocknetem Kraut

  • Dosierung nach Herstellerangaben
    z. B. 3 x täglich 2 - 4 ml der 1:10 (V/V) Tinktur oder 1 - 1,5 ml der 1:5 (V/V) Tinktur

Pflanzensaft

  • 2 x täglich 10 ml pur oder in Wasser 

Flüssigextrakt oder Trockenextrakt

  • Dosierung nach Herstellerangaben
    z. B. 300 - 600 mg Extrakt pro Tag bei einer leichten Depression

Äußerlich

  • Auflage, Kompresse, Einreibung mit dem Öl oder der Tinktur

Im Falle einer leichten Depression muss Johanniskraut kontinuierlich über einen Zeitraum von zwei bis vier Wochen angewendet werden, bis sich die volle Wirkung einstellt. Sollte nach vier Wochen keine ausreichende Wirkung erzielt werden, sollten sich die Betroffenen an eine fachkundige Person wenden, damit sie eine adäquate Behandlung erhalten. Über die Dauer der Behandlung entscheiden ggf. die Behandler.

Wir setzten Heilpflanzen in der Regel nicht als Einzeldroge, sondern gemeinsam mit anderen Heilpflanzen ein; wie wir sie kombinieren, ist im Abschnitt “Rezepturenlehre” erläutert. Informationen zu den verschiedenen Darreichungsformen sind in der Rubrik "Theoretische Grundlagen" hinterlegt. 

Nebenwirkungen

  • erhöhte Lichtempfindlichkeit
    Beim Aufenthalt im Freien ist auf einen effektiven Sonnenschutz zu achten. Sonnenbäder sollten vermieden werden. Dies gilt insbesondere für Hellhäutige.
  • Beschwerden im Magen-Darm-Trakt
  • Müdigkeit
  • Unruhe

Vorsicht

Bisher fehlen Erkenntnisse und Daten zur Sicherheit der Anwendung in Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren. Die Anwendung wird daher nicht empfohlen. 

Kontraindikationen

  • bekannte Überempfindlichkeit
  • Chemotherapie
  • Kombination mit serotonerg oder dopaminerg wirksamen Arzneistoffen wie zum Beispiel Antidepressiva
  • Kombination mit Monoaminoxidasehemmern
    Hier ist ein Abstand von mindestens 2 Wochen erforderlich

Mögliche Wechselwirkungen mit Arzneistoffen

Johanniskraut ist für zahlreiche pharmakaokinetische und pharmakodynamisch Wechselwirkungen verantwortlich. Pharmakokinetische Interaktionen ergeben sich aus der Tatsache, dass vo allem das im Johanniskraut enthaltene Hyperforin in hoher Konzentration die Aktivität von zahlreichen Enzymen (CYP) und Transportproteinen stimuliert, so dass deren Bioverfügbarkeit verändert wird. Dies kann zum Verlust der Wirkung führen. Betroffen sind zahlreiche Arzneistoffe, die in den unten genannten Quellen aufgelistet sind, darunter hormonelle Verhütungsmittel und andere Hormonpräparate, Sedativa, Zytostatika, die in der Behandlung von Krebs eingesetzt werden, antiviral wirksame Arzneistoffe, die beispielsweise zur Behandlung von HIV benötigt werden, Immunsuppressiva, Herzglykoside (Digoxin) und andere Arzneistoffe zur Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Statine, Gerinnungshemmer vom Cumarintyp und viele mehr. Vor einer geplanten Operation sollte Johanniskraut daher mindestens eine Woche vorher abgesetzt werden.

Die pharmakodynamischen Wechselwirkungen ergeben sich aus dem Wirkungsmechanismus der Pflanzenstoffe von Johanniskraut. Eine gemeinsame Anwendung mit Psychopharmaka, Sedativa, Arzneistoffen, die serotonoerg bzw. dopaminerg wirken oder die Monoaminoxidase hemmen muss daher unbedingt unterbleiben. 

Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und verweist lediglich exemplarisch auf die bestehenden Risiken einer Kombination von Johanniskraut mit Medikamenten. Unter den Quellen sind einige Listen verlinkt. Eine weitere Liste befindet sich beispielsweise auf der Webseite der Mayo Klinik. Im Falle einer geplanten gemeinsamen Anwendung zusammen mit Arzneistoffen sollten Nutzen und Risiken in jedem Fall gemeinsam mit der behandelnden Ärztin bzw. dem behandelnden Arzt abgewogen werden. Apotheken verfügen über Datenbanken, in denen sie ein mögliches Interaktionsrisiko überprüfen können.

Pflanzenstoffe

Naphthodianthrone

  • v. a. Hypericin, Pseudohypericin und ihre Derivate, Skyrinderivate

Phloroglucinderivate

  • v. a. Adhyperforin, Furanohyperforine, Hyperforin, Perfuratumon  

Flavonoide

  • z.B. Amentoflavon, Biapigenin, Isoquercitrin, Hyperosid, Kämpferol, Miquelianin, Quercetin, Quercitirin, Rutin

Phenolcarbonsäuren

  • u. a. Cryptochlorogensäure

Gerbstoffe

  • Procyanidine

Xanthone

Ätherisches Öl

wenig

  • Sesquiterpene u. a. β-Caryophyllen, Spathulenol 

Die Zusammensetzung der Pflanzenstoffe kann sich je nach Standort, Klima und Zeitpunkt der Ernte der Arzneidroge sowie dem Auszugsmittel und der Darreichungsform unterscheiden. Ausführlich werden die Pflanzenstoffgruppen unter Pflanzenstoffe A-Z vorgestellt.

Mögliche pharmakologische Wirkungen

  • antidepressiv
  • anxiolytisch
  • sedierend
  • Hemmung der Monoaminoxidase
  • serotonerg
  • dopaminerg
  • GABAerg
  • spasmolytisch
  • durchblutungsfördernd
  • antioxidativ
  • antiinflammatorisch
  • analgetisch
  • wundheilungsfördernd
  • antimikrobiell
  • tumorprotektiv

Geschichte & Mythologie

Einst nahmen die Germanen an, dass es sich beim Rotöl um das Blut ihres Sonnengottes Baldur handelt. Auch die Römer brachten die ölhaltigen Tüpfeln mit Blut in Verbindungen und dachten dabei an ihren Kriegsgott Mars. Schließlich mussten im Krieg viele blutenden Wunden versorgt werden. Einer christlichen Legende zu Folge entstand das Johanniskraut dagegen aus dem Blut von Johannes dem Täufer. Man versuchte mit Johanniskraut Dämonen zu vertreiben. Die Inquisitoren der katholischen Kirche glaubten sogar mit Johanniskraut den Bund von Hexen und Satan mit seiner Hilfe lösen zu können.

Doch auch die Göttinnen der Liebe, Venus und Freia, wurden mit dem Johanniskraut in Verbindung gebracht. Dementsprechend sollte es für Glück in der Liebe und zur Fruchtbarkeit beitragen.

Quellen

Die von uns bei der Erstellung der Inhalte für diese Webseite verwendeten Fachbücher sind im Literaturverzeichnis einsehbar. Darüber hinaus basieren die Inhalte zu dieser Pflanze auf folgenden Quellen:

> HPMC Monographie der europäischen Arzneimittelbehörde (EMA)
> Czigle S, Nagy M, Mladěnka P et a. Pharmacokinetic and pharmacodynamic herb-drug interactions-part I. Herbal medicines of the central nervous system. PeerJ. 2023 Nov 15;11:e16149. 
> Nobakht SZ, Akaberi M, Mohammadpour AH et al. Hypericum perforatum: Traditional uses, clinical trials, and drug interactions.  Iran J Basic Med Sci. 2022 Sep;25(9):1045-1058
> Canenguez Benitez JS, Hernandez TE, Sundararajan R et al. Advantages and Disadvantages of Using St. John's Wort as a Treatment for Depression. Cureus. 2022 Sep; 14(9): e29468. 
> Nicolussi S, Drewe J, Butterweck V, Meyer zu Schwabedissen HE. Clinical relevance of St. John's wort drug interactions revisited. Br J Pharmacol. 2020 Mar; 177(6): 1212–1226
> Zahner C, Kruttschnitt E, Uricher J et al. No Clinically Relevant Interactions of St. John's Wort Extract Ze 117 Low in Hyperforin With Cytochrome P450 Enzymes and P-glycoprotein. Clin Pharmacol Ther. 2019 Aug;106(2):432-440
> Chrubasik-Hausmann S, Vlachojannis J, McLachlan AJ. Understanding drug interactions with St John's wort (Hypericum perforatum L.): impact of hyperforin content. J Pharm Pharmacol. 2019 Jan;71(1):129-138
> https://www.nccih.nih.gov/health/st-johns-wort
> Schäfer A. M. , Potterat O. , Seibert I. et al. Hyperforin‐induced activation of the pregnane X receptor is influenced by the organic anion‐transporting polypeptide 2B1. Mol Pharmacol. 2019 Mar;95(3):313-323 
> Sangiovanni E, Brivio P, Dell'Agli M, Calabrese F. Botanicals as Modulators of Neuroplasticity: Focus on BDNF. Neural Plast. 2017; 2017: 5965371. 
> Oliveira AI, Pinho C, Sarmento B, Dias AC. Neuroprotective Activity of Hypericum perforatum and Its Major Components.  Front Plant Sci. 2016 Jul 11;7:1004
> Russo E, Scicchitano F, Whalley BJ et al. Hypericum perforatum: pharmacokinetic, mechanism of action, tolerability, and clinical drug-drug interactions. Phytother Res. 2014 May;28(5):643-55.